Zeitung 2015 – eine Skizze

“Auf meine Zeitung am Morgen möchte ich nicht verzichten!” oder “Alles nur am Computer zu lesen, ist nichts für mich.” In eine solche Richtung gehen die Argumente, warum es auch in Zukunft noch weiterhin Zeitungen geben wird. Aber auch das Vertrauen im Bezug auf die Berichterstattung und die Themenvorauswahl der Zeitung seiner Wahl werden gerne genannt, wenn es in einer Diskussion um eine skizzierte Welt ohne Zeitungen geht. Trotz bzw. auch auf Basis dieser Punkte, möchte ich in der Folge mal skizzieren, wie auch in ein paar Jahren das Modell “Zeitung” aussehen könnte.
Das Medium Papier
Papier eignet sich hervorragend, um darauf etwas Gedrucktes zu lesen. Aber Papier bedruckt inzwischen fast jeder von uns zuhause. Also warum sollen wir denn nicht auch in Zukunft unsere Zeitung selbst ausdrucken?!
Die Themenauswahl
Mal Hand aufs Herz: Wer liest in der Zeitung auch Dinge, die ihn oder sie nicht interessiert? Und wenn doch, wie oft? Die Antwort auf diese Frage wird in aller Regel auf irgendwas zwischen “nie” und “hin und wieder” hinauslaufen. Also warum sollte man sich nicht eine Zeitung generieren lassen, die zum Großteil die Themen bedient, die mich interessieren? Hier kann man ja auch gewisse Freiheitsgrade definieren. Zum Beispiel könnte man einen Webdienst beauftragen: “Liefer mir jeden Morgen 4 DIN-A4-Seiten News aus den Themengebieten Sport, Wirtschaft und Politik und mische 10-15% Zufallsthemen darunter.” Sowas lässt sich auch heute schon fast automatisiert bewerkstelligen.
Distribution
Der Hauptgrund warum ich die taz nicht als Zeitung abonniert habe, ist weil ich sie nicht morgens mit in die S-Bahn nehmen kann. Da sie aus Berlin kommt, wird sie, wie ich bei einem Probe-Abo festgestellt durfte, per Post geliefert. D.h. ich habe am Abend eines Tages die Nachrichten vom Abend des Vortag zu lesen bekommen. Was vor 10 Jahren vielleicht noch akzeptabel war, ist heute einfach nicht mehr zeitgemäß. Abhilfe könnte da zum Beispiel ein kleiner Kasten bringen, den man an jeden Drucker anstöpselt und der per WLAN entweder zu einem bestimmten Zeitpunkt oder aber auf Knopfdruck die aktuellsten Nachrichten von dem besagten Webdienst abruft und mir meine persönliche, in dem Augenblick denkbar aktuellste Zeitung ausdruckt. Oder wahlweise auch auf meinen elektronischen Reader funkt.
Zeitungsverlage
Wenn ich mir mal die Aufgabe der Zeitungsverlage ansehe, dann haben wir es hier mit einem Netzwerk an journalistisch wirkenden Mensch zu tun und solchen, die deren Arbeit verwalten. Wunderbar! Genau das braucht der beschriebene Webdienst auch. Nur kann das Netzwerk offener sein und die Verwaltung sich eher auf den Betrieb des Dienstes beziehen. Aber im Grunde ist dieser Dienst der Zeitungsverlag der Zukunft.
Gewinner und Verlierer
In jedem Fall gehören die an Aktualität und Relevanz interessierten Leser zu den Gewinnern und wenn sie ein geeignetes Geschäftsmodell für den geschriebenen Webdienst finden, dann gehören auch deren Betreiber dazu. Verlierer sind in jedem Fall die Druckereien und ggf. auch die Abfallwirtschaft. Denn wenn der ganze überflüssige Kram, der einen sowieso nicht interessiert nicht in der persönlichen auftauchen muss, dann braucht man das ursprünglich dazu nötige Papier nicht zu bedrucken. Was ja auch wieder die Umwelt zu einem Gewinner machen würde. Aber das heute etablierte Verlagswesen ist sicher auch gefährdet.
Geschäftsmodell
Wer seine persönliche Zeitung werbefrei haben möchte, zahlt dafür. Wer nichts zahlen möchte, muss sich mit der enthaltenen Werbung arrangieren. Wobei es für die Werbeindustrie sicher sehr interessant sein dürfte, die Interessen der Leser so genau zu kennen. Sie bekommen sie ja quasi frei Haus geliefert!
Fazit
Es kann und wird auch wahrscheinlich im Jahr 2015 noch etwas geben, dass wir dann als Zeitung bezeichnen werden. Jedoch ist diese besonders im Hinblick auf die Punkte Aktualität, Personalisierung und Distribution grundlegend neu aufzustellen. Denn das Web verändert gerade radikal das diesbezügliche Verständnis der Menschen. Aber auch die Zeitungsverlage werden sich ändern müssen und zu Online-Nachrichten-Diensten werden müssen. Hier könnte vielen eine fundamentale Konsolidierung ins Haus stehen. Aber nicht nur die Nachrichten-Zusammenstellung könnte persönlicher werden, sondern auch die Nachrichten-Quellen, sprich die Journalisten könnten mehr in den Vordergrund und die Zusammensteller eher in den Hintergrund rücken. Denn für die Zusammenstellung sorgen wir dann selbst, im Zusammenspiel mit intelligente Algorithmen. Ich denke mal, dass jeder einzelne Journalist schon mal mit dem persönlichen Reputationsmanagement beginnen sollte, denn in Zukunft vertrauen wir dann nicht mehr den Zeitungsverlagen, sondern eher den einzelnen Menschen hinter jeder einzelnen Nachricht.
Und eins noch … warum habe ich 2015 als Beispieljahr gewählt? Sicher nicht, weil ich hier für heute technisch Unmögliches beschrieben hätte, sondern weil es in unserer Medienlandschaft gewachsene Strukturen gibt …
von Matthias Zellmer

















Kommentare
Zuckerbäckerin schrieb am 19.02.2009 um 11:35 Uhr
Mir meine eigene Zeitung auszudrucken bedeutet aber auch, einen Drucker haben zu müßen und Papier & Toner selbst zu bezahlen. Das könnte die Zeitung zum Schluß teurer machen als das fertige Exemplar am Kiosk, wo ich die ungeliebten Themen einfach “überlesen” kann. Dennoch ein guter Ansatz.
Matthias Zellmer schrieb am 19.02.2009 um 12:03 Uhr
@Zuckerbäckerin: Meinst du nicht, dass sowieso jede/r einen Drucker hat? Und Papier & Toner zahlst du ja auch jetzt schon mit.
Ralf Grabowski schrieb am 19.02.2009 um 12:19 Uhr
Ob die Leser ihre Zeitung selbst ausdrucken, sie geliefert bekommen oder einen Reader, am besten mit E-Ink, haben werden, spielt zunächst mal gar keine so große Rolle.
Entscheidend ist das Geschäftsmodell. Derzeit erlöst man über Online-Werbung nicht mal annähernd so viel wie in Print. Und online in irgendeiner Form Abogebühren erheben zu wollen, ist (derzeit) vollkommen utopisch. Diese Versuche gab’s.
Okay, dann man hat auch weniger Kosten: kein Papier, keinen Vertrieb, dafür aber Hosting- und Leitungskosten. Unterm Strich wird man als Verlag also weniger Geld ausgeben, aber leider viel, viel weniger Geld auch einnehmen. Und damit lässt sich kostendeckend ein Journalismus nicht betreiben.
Matthias Zellmer schrieb am 19.02.2009 um 13:55 Uhr
@Ralf Grabowski: Danke für diese Innensicht. Und ja, das Geschäftsmodell ist sicher entscheidend. Da lässt sich in den bestehenden Strukturen sicherlich noch nicht kostendeckend arbeiten. Darum spreche ich hier auch bewusst von einer Skizze für das Jahr 2015. Aber das Potential von personalisierter Werbung sollte man nicht unterschätzen …
Thomas Off schrieb am 19.02.2009 um 15:27 Uhr
Ich glaube, dieser Artikel trifft die Zukunft schon ganz gut. Ich verstehe nur nicht, wieso die Zeitungen nicht aktiver gegen die Leserabwanderung kämpfen – z.B. mit einer netten iPhone-/Android-/xyz-Anwendung, mit der Abonnenten der Druck-Ausgabe die Online-Artikel schon vorab und mobil lesen können (das kann man natürlich auch vom Druck-Abo lösen)?
Matthias Zellmer schrieb am 19.02.2009 um 15:42 Uhr
@Thomas Off: Es gibt ja schon solche Ansätze … Stichwort: ePaper … nur fehlt vielleicht die integrative Konsequenz. D.h. sowas wie eine iPhone-App muss auch wirklich ins Gesamtkonzept (Redaktion, Vertrieb, Anzeigen, …) eines Zeitungsverlags verdrahtet werden.
Aber die Idee mit einem speziellen Abo fürs iPhone finde ich durchaus interessant …
Ralf Grabowski schrieb am 20.02.2009 um 14:00 Uhr
@Thomas Off: Ich glaube auch, dass dieser Weg sinnvoll sein könnte. Sich nicht verkriechen, sondern vorwärts schauen und mit den neuen Möglichkeiten spielen.
Mir fallen allerdings zwei Gründe ein, warum das so nicht passiert:
Zum einen lassen sich diese “Spielereien” derzeit nicht refinanzieren. Mal abgesehen von den großen Konzernen hat Deutschland ja glücklicherweise noch eine sehr Verleger-geprägte Zeitungslandschaft mit vielen kleinen Mittelständlern und Familienbetriebe. Und für die sind das hohe Investitionen.
Zum anderen: Printleute denken in Print. Für sie sind Rotation, Papier, Redaktionsschluss in Fleisch und Blut übergegangen. Auch die Strukturen in den Häusern sind genau so geprägt.
Matthias Zellmer schrieb am 20.02.2009 um 15:16 Uhr
Das scheint ja ein hochaktuellen Thema zu sein. Heute hat Spiegel Online gerade zwei dazu passende Artikel online gestellt:
Ralf Grabowski schrieb am 20.02.2009 um 19:43 Uhr
Es IST ein hochaktuelles und sehr brisantes Thema: Zeitungskonzerne in den USA, aber auch hier in D werden insolvent, strukturieren um, legen Redaktionen zusammen usw. Einen kleinen Einblick geben diese nicht gerade zur Hochstimmung verleitenden Zitate.
Zeitungen: 25 Aspekte fürs Überleben - Netzlogbuch schrieb am 27.02.2009 um 10:11 Uhr
[...] Zukunft der Zeitungen scheint ja wirklich gerade ein heißes Thema zu sein. Auch bei Tom Foremski. Dieser [...]
Zuckerbäckerin schrieb am 27.02.2009 um 11:19 Uhr
@zellmi Ich habe z.B. keinen Drucker und denke auch nicht, daß jeder einen hat. Aber selbst wenn ich einen hätte, müßte ich den Toner viel häufiger nachfüllen, wenn ich mir damit täglich eine ganze Zeitung ausdrucke.
Luca Pianu schrieb am 27.02.2009 um 11:29 Uhr
@Zuckerbäckerin: Du druckst dir ja keine ganze Zeitung, sondern lediglich die für dich interessanten Artikel – wenn ich eine Zeitung durch arbeite interessiert mich evtl. 1/10 wirklich – der Rest wird höchstens überflogen. =)