Was das 2.0 wirklich bedeutet

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Der Ausschnitt oben zeigt einen Großteil der Webciety-Panels auf der CeBIT in der vergangenen Woche. Nicht weniger als acht dieser Panels schmückten sich mit einem 2.0 im Titel. Wie vor gut 10 Jahren alles irgendwie .de oder .com war, ist nun alles irgendwie 2.0. Ist dies schlichtweg eine Mode? Nein, weder von 10 Jahren noch heute.

War ein angehängtes .de oder .com einst ein Symbol für “Das hat jetzt was mit dem Internet zu tun“, so steht 2.0 heute meist für “Das hat jetzt was mit dem Social Web zu tun“. Doch was bedeutet das wirklich?

Bei einigen Begriffsschöpfungen sorgt das angehängte 2.0 in erster Linie für ein Paradoxon. Denn wie etwa bei den Begriffen Radio2.0 oder Politik2.0 tragen diese dadurch oftmals den Widerspruch in sich, dass der althergebracht Teil traditionell auf einer stark hierarchischen Struktur besteht. Dahingegen 2.0 aber für eine offene Netzstruktur mit Knotenpunkten … i.d.R. den Usern … steht.

In der Politik zum Beispiel drücken Begriffe wie “Die da oben“, “Der Gang durch die Institutionen“, “Der kleine Mann” oder “Die Parteibasis” auch deutlich die strukturellen Verhältnisse aus. Aber wie passt das mit dem Netzwerk-Begriff zusammen?

Auch bei Radio2.0 stimmt etwas nicht. Radio ist klassisches Broadcasting: Einer sendet, die anderen empfangen. Eine klare 1-zu-n-Beziehung. Doch auch mit einer solchen Beziehung bringe ich ein Netz nicht in Verbindung.

Ist also das Social Web ein Vorbote einer Struktur-Revolution? Oder gar ihr Türöffner? Was würde das für unsere Gesellschaft bedeuten? Und was für die etablierten Institutionen, die auf einer hierarchischen Struktur basieren?

Ein Blick auf eine Gesellschaft, deren vorherrschende Struktur vernetzt und dadurch auch auf flachen bzw. flacheren Hierarchien basiert, ist eine deutlich andere, wie die, die uns ins 21. Jahrhundert geführt hat. Viele Hierarchie-Ebenen sind dann überflüssig. Wer braucht dann noch die Vermittlungsschicht, die heute noch von solche zentralen Institutionen wie etwa Verlagen, Sendeanstalten oder Reiseveranstaltern repräsentiert wird?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das, was sich derzeit im Bereich soziales Netz abspielt, nur ein Vorbote dessen ist, was wir später einmal als eine Kulturrevolution bezeichnen werden. Wir haben auch schon lange eine Bezeichnung für das nun kommende parat: das Informationszeitalter. Zwei tragende Säulen dieses Zeitalters werden u.a. die Vernetzung und die Automatisierung sein.

Ich bin jetzt schon sehr gespannt, wie wir mit dem Poststrukturalismus, also den grundlegenden, gesellschaftlichen Strukturveränderungen der kommenden Jahre, umgehen werden. Wird es genügend tragfähige Geschäftsmodelle geben? Oder muss vielleicht doch ein bedingungsloses Grundeinkommen her? Nur auf die Karte Wirtschaftswachstum zu setzen, halte ich in Anbetracht der tiefgreifenden Änderungen, die mit dem Ende des wachstumsorientierten Industriezeitalters auf uns zukommen, für etwas kurzsichtig. Denn ein Netz wächst nicht in die Höhe, sondern es verstärkt seine Verbindungen. Was das auch immer für uns bedeuten mag …

Kommentare

Oliver Berger schrieb am 11.03.2009 um 16:25 Uhr

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Hej,
im Zusammenhang mit der Frage nach der Struktur-Revolution stelle ich mir die weitere Frage, ob dann auch eine Beziehung 2.0 kommt und wie diese wohl aussieht?

Mir gefällt der Blogpost sehr gut, auch wenn das Thema nur angekratzt ist, kann jeder Leser hier eine gute Basis für eine Diskussion mitnehmen. Danke!

Viele Grüße,
Oliver

internetfuzzi schrieb am 11.03.2009 um 17:28 Uhr

Gravatar of internetfuzzi

Was mir in dem Panel fehlt, ist “User 2.0″ – der wendet den Rest nämlich überhaupt erst an.

Und wenn das genügend User richtig machen, ist dieser Rest wirklich obsolet.

Leider haben die meisten User bis dato noch gar nicht verstanden, welche Transzendenzmöglichkeiten ihnen mit dem social web zur Verfügung stehen : gerade diejenigen, die an Bildschirmarbeitsplätzen tätig sind, deren Arbeitsleben schon von der Nutzug von MS OFFICE- und anderen Anwendungen bestimmt wird, fällt es einfach, mit den entsprechenden Webapplikationen auch ihr Privatleben zu organisieren, sich auszutauschen und zu vernetzen – bis zu dem Punkt, wo eben all diese oben genannten Panels voll in der Hand der user sind.

Auch der Newscast wird z.B. persönlicher; erst wenn Freunde / Bekannte / Verwandte / Kollegen sich auf tagesaktuelle Ereignisse beziehen, die mein eigenes Interesse noch nicht hervorgehoben hat, schau ich mir das auch mal genauer an.

Von #Winnenden z.B. habe ich über twitter erfahren und die “offiziellen” News dazu nur überflogen und meine Vorurteile der Presse gegenüber damit wieder restlos befriedigt.

Natürlich tun mir die Opfer und Angehörigen sehr leid, aber was ich hier hevorheben will ist eben die Diskussion des Ereignisses im social web – dafür ist ein Radio 2.0 oder TV 2.0 nicht mehr nötig; da müsste dann schon ein noch neuerer Begriff her um zu erklären, was da eigentlich geschieht.

Ich könnte jetzt noch viel mehr schreiben, vielleicht sogar nen eigenen Blog-Post, was ich aber gar nicht mehr tue – Oliver hatte aber ganz recht mit der Basis für eine gute Diskussion, vielleicht konnte ich hiermit noch etwas hinzufügen =)

Vielen Dank für die Anregungen =)

Matthias Zellmer schrieb am 11.03.2009 um 19:10 Uhr

Gravatar of Matthias Zellmer

@Oliver Berger & @internetfuzzi: Danke für eure Kommentare. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das, was ich aussagen wollte, auch auf den Punkt bringe. Ich wollte den Beitrag auch nicht zu lang werden lassen. Da bin ich sehr zufrieden, dass ihr in ihm genau das seht, was er sein soll: eine Basis für eine Diskussion.

Oliver N. schrieb am 12.03.2009 um 20:30 Uhr

Gravatar of Oliver N.

Ich sehs einfach: der User (und Konsument) wird erwachsen. Er überholt die Kolosse bestehender und bis dato Ton angebender Strukturen durch seine persönliche Informationshoheit, mit der er endlich lernt umzugehen und noch viel wichtiger, diese auch nutzen lernt.

Natürlich werden wirtschaftliche Strukturen verschwinden, das zieht sich aber durch die komplette ökonomische Zeitgeschichte. Der Ackergaulzüchter wurde vom Traktorenbauer verdrängt.

Das Dogma vom Wachstum dürfte sich mittlerweile in jede Führungsetage einer Versicherungsgesellschaft rumgesprochen haben.

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