Barcamp – quo vadis?

Es war alles, wie man das inzwischen von einem gut organisiertem Barcamp erwartet: Essen satt, schwachbrüstiges WLAN, viele kleine Networking-Cluster in allen Ecken, eine ausgeprägte No-Show-Rate und die üblichen Sponsoren. Auch der standesgemäße Barcamp-Hopper war da, der gerade sein 183. Barcamp besucht und erst einmal gleichermaßen begeistert wie auch mantra-artig die Barcamp-Regeln herunterbetete. Ich spreche von meinem Wochenend-Trip zum Barcamp Mitteldeutschland in Jena. Beziehungsweise: Von meinem ursprünglich geplanten Wochenend-Trip, denn ich bin statt Sonntagmittag, schon am Samstagabend wieder nach Hause gefahren.

Ich habe für mich selbst noch nicht ganz klar, warum ich am späten Samstagnachmittag plötzlich den Impuls hatte, am gleichen Tag schon wieder abzureisen. Die Sessions waren gut bis sehr gut, ich habe nette Menschen getroffen und schöne wie auch interessante Gespräche geführt. Also okay. Aber für einen weiteren Tag hat das für mich nicht mehr gereicht.

Schon im vergangenen Jahr hatte ich den Impuls, nur noch auf Themen-Barcamps zu gehen. Vielleicht sollte ich diesem wirklich folgen. Ein bisschen ärgere ich mich auch, dass ich für das Barcamp in Jena, das lifeworkcamp hab sausen lassen.

Dass das hier aber nicht falsch verstanden wird: Das Barcamp in Jena hat alle Ansprüchen erfüllt, die man an eine solche Veranstaltung haben kann. Die Orga war wirklich super, die Leute kommunikativ, etc pp. Doch irgendwas passt meiner Ansicht nach nicht mehr.

Ist es z.B. ein Zeichen, dass inzwischen gut die Hälfte der Teilnehmer keinen Twitter-Account hat? (Was meiner Ansicht nach durchaus legitim ist.) Ist die Orga vielleicht inzwischen zu gut? So gut, dass man sich gar nicht mehr auf “seiner” Veranstaltung fühlt, sondern schon wieder eher wie auf einer der althergebrachten Konferenzen, der wir mit dem Barcamp-Prinzip (“Unkonferenz”) eigentlich etwas entgegensetzen wollten?

Wie seht ihr das? Geht ihr noch gerne zu Barcamps? Sollte die Vorab-Orga wieder zurückgefahren werden, wir gar hauptsächlich nur noch Barcamps mit Schwerpunkt-Themen durchführen?

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14 Kommentare

  1. Torsten sagt:

    Nein, ich empfand es nicht als “zu gut” organisiert, sondern gerade richtig. Die No-Twitter-Rate hat mich sehr schockiert, über die hohe No Show-Rate war ich sehr betrübt. Eigentlich ist es immer noch eine Unkonferenz und die Unterschiede zu normalen Konferenzen sind noch sehr sehr groß. Barcamp ist was man selbst draus macht. Da ist jeder selbst gefragt das Barcamp zu “seinem” Barcamp zu machen. Übrigens, es war erst mein 37. Barcamp. ;) Ich werde auch zukünftig noch zu sehr vielen Barcamps reisen, denn gerade die Themenvielfalt ist es was für mich den Reiz ausmacht. Das fehlt halt bei den Themencamps.

  2. Hallo Zelmi,

    komisch, das von Dir beschriebene Gefühl, am Samstag nach Hause zu wollen, verspürte ich auch. Habe mich dann aber doch noch überzeugen lassen. Auch ich weiß nicht, woran es wirklich lag. Vielleicht an der mangelnden Überzeugung/Wissen der Anwesenden, was ein BarCamp ausmacht? Oftmals vermisste ich das Interesse an der Veranstaltung (siehe extrem hohe No-Shows). Es wollte sich bei mir partout nicht das BarCamp-Feeling einstellen.

    Letztes Jahr war es aber noch schlimmer mit Nicht-Twitterern [und No-Shows (subjektives Gefühl), vor allem am Sonntag]. Es wird aber einfach nicht besser in Jena und das ärgert mich. Liegt es an den Glasfaserkabeln und nicht wirklich vorhandenem DSL? Oder einfach nur Desinteresse? Dabei hätte man Zeitenänderungen etc. bequem über den BarCamp-Account bzw. Hashtag abrufen können – denn der BarCamp-Account twitterte sehr viel und gab Infos durch.

    WLAN kann auch funktionieren. Was mich mehr störte war, dass es fast alle Ports gesperrt hatte – selbst Youtube, Pinterest und Co. waren nicht aufzurufen. Ich tetherte nur, was auch nur bedingt ein Spaß während einer Session ist. :( Aber: es gab immerhin WLAN mit einfachem Zugang und auch sehr vernünftigen Ladezeiten.

    Die Fast-Zuviel-Orga… Ein Thema, was mich auch schon im Vorfeld beschäftigte. Die Jungs und Mädels geben und gaben sich auch schon im letzten Jahr sehr viel Mühe – aber irgendwie ist es too much. Gefühlt hetzt man am Samstag von Termin zu Termin, am Freitag sind das Warm-up und eventuelle freiwillige Events zeitlich für Anreisende kaum zu schaffen (aber so viele kamen auch dieses Jahr eh nicht von weiter her, was ich auch sehr schade fand, denn Location und auch Jena selbst sind wirklich sehr, sehr schön). Zeit, die Stadt etwas kennenzulernen, Zeit für sich, Zeit ohne das komplette Camp tendierte gegen Null.

    Außerdem: Wozu sich zur Party anmelden, wenn am Empfang/Registrierung eh jeder ein Bändchen bekam? Der Sinn erschloss sich mir leider nicht. Aber so hatte man auch einen Grund, dass Goodiebag sofort in Empfang zu nehmen und die Sponsoren waren sicherlich mit der Lösung sehr glücklich. Also doch, Zweck erfüllt?!

    Alles in allem war die Orga super und hat meinen höchsten Respekt. Sie haben es geschafft, sehr viele Sponsoren heranzuziehen, so dass das Event kostenfrei für Teilnehmer war – aber mit der No-Show-Quote leider undankbar quittiert wurde. Vielleicht sollte auch darüber nachgedacht werden, das Ganze zu einem Themencamp umzugestalten. In Jena scheinen fast nur ITler Interesse am BarCamp zu haben, was sich im Sessionplan widerspiegelt – habe 2 ganze Sessionblöcke am Samstag gestrichen, weil aber auch nix außer IT dabei war. Vielleicht reicht auch ein Tag. Ich weiß es nicht. :(
    Es ist Schade, aber nach letztem Jahr war ich schon am Zögern, ob ich wiederkommen sollte. Dieses Jahr ist es nicht besser und auch wenn Jena sehr, sehr schön ist, ich die Orga mag, werde ich wohl nächstes Jahr dieses Camp leider von meiner Liste streichen.

  3. Andreas sagt:

    Organisationsgrad: War in Jena gerade richtig. Nicht zu viel. Aber bei hundert Gästen ist auch ein Mindestmass nötig. Nötig werden könnte angesichts vieler NoShows und Erstteilnehmer, für eine sichere Sessionmenge für beide Tage Vorsorge zu treffen. Und je weiter die Anfahrt ist (in Jena aus Bayern, BW, Hamburg, Saarland), wenn also für den Besuch 200 Euro ausgegeben werden, erhofft man sich auch gehaltvolle Sessions, gute Kontakte. Das gab es in Jena mit meiner Meinung nach hohem Erlebniswert. BarCamps, die das bieten, werden überleben und gross bleiben. Andere werden eher lokale Treffen der Szene werden.

    Meiner Ansicht nach werden die BarCamps bleiben, die mindestens einen starken Schwerpunkt beim Thema setzen. Das ist die Motivation zum Besuch. Und ausserhalb dieses Schwerpunktes liegende Sessions bilden die besondere Würze.

    Und dann ist es wie mit allem Neuem: erst gibt es einen Hype, dann Ernüchterung, dann Beständigkeit. Und es gibt noch viele, die BarCamps erst noch zu entdecken haben.

  4. @Torsten … schön, dass du meine kleine Spitze mit Humor nimmst :-)

  5. Mike sagt:

    Ich muss mich Romy ein wenig anschließen. Aber ich fand es schön. Irgendwas hat gefehlt. Ich weiß nicht was. Vielleicht ist es einfach zu viel Konferenz und zu wenig treffen und kennenlernen. Es ist schwierig, das genau zu sagen. Ich möchte aber die “Institution” Barcamp nicht vermissen.

  6. Hubert sagt:

    Hi Zellmi,

    mich hat es trotzdem sehr gefreut, Dich mal wieder zu sehen und fand Samstag in Sessions und den Abend nett – und nett ist bei mir ein positives Wort, auch wenn andere gegenteiliges von dem Wort behaupten wollen.

    Und ja, ich habe noch vor, auf viele Barcamps zu gehen, lerne ich doch immer wieder neue interessante Menschen kennen – und interessante Inhalte!

  7. @Hubert: es war wirklich nett – aber haben wir großartig neue Kontakte geknüpft? Oft waren wir “alten Hasen” doch unter uns und die Jenenser auch für sich. Es stellten sich kaum Überschneidungen ein, außer bei 2-3 die man vom letzten Jahr kannte – und vor allem Steve! Er war der Mittler zwischen den Welten. Danke! :)

  8. Hallo Matthias,

    danke für Deinen Post und auch der offenen Worte.

    Die No-Shows fanden wir natürlich auch nicht gut. Nur was dagegen tun?

    Was die “Twitter-Quote” betrifft: legitim ist fast alles. Optimal jedoch ist es mAn nicht. Warum? Das hat für mich hauptsächlich 2 Gründe.

    1) Die Kommunikation ist einfacher und auch kurzfristige Planänderungen lassen sich via Twitter einfacher organisieren/kommunizieren.

    2) Weniger Leute die Twittern weniger Buss zum Event selbst und auch über die Sponsoren. Denn Leute die nicht twittern haben ganz oft auch keinen Blog. Und pre- wie auch Reviews sind für Barcamps mAn essentiell!

    Zur Orga: Zunächst danke für Dein Lob. Wir – und vor allem die Mädels – haben sich auch richtig ins Zeug gelegt um das Barcamp zu einer schönen Veranstaltung werden zu lassen. Du schreibst, es war zuviel, was orgaseitig getan wurde. Wo hättest Du denn gern weniger?
    Ich persönlich hatte nach dem WE – für mich persönlich (!) – eher das Gefühl, dass ich (als Teil der Orga) noch hätte mehr tun sollen bzw. müssen.

    Beste Grüsse

    Steve

  9. @Romy: Thema blockierte Ports: das Thema Internet war im Vorfeld recht heikel und wir waren sehr froh, dass uns der Computerdienst Jena hier so unkompliziert weitergeholfen hat. Wir haben am Vortag gemerkt, dass YouTube nicht geht, was primär am internen Proxy und dem Cache lag, ich es jedoch abgenickt habe, da ich nicht davon ausgegangen bin, dass YT benötigt wird. Pinterest und andere Bilderdienste habe ich nicht getestet und es tut mir ehrlich leid, dass dies dann letztlich nicht funktionierte. Nehme ich auf meine Kappe, sorry dafür.

    Das das WLAN stellenweise (vor allem am Vormittag) nicht so recht funktioniert lag auch nicht am Dienstleister sondern an anderen Umständen. Dies soll keine Entschuldigung sein, möchte damit nur aussagen, dass wir froh waren, überhaupt funktionales Breitband in der Villa zum Camp gehabt zu haben. Wir haben aber aus dem Punkt auch Lernaspekte mitgenommen. Nochmals sorry und danke für das Feedback.

    Zum Thema zu wenig Zeit/zu viel Orga: diese Kritik nehme ich auf, kann sie aber nicht nachvollziehen. Das, was wir anbieten ist ja keine Pflicht. Niemand wurde oder wird genötigt daran teilzunehmen. Wir haben versucht, ein möglichst ausgefülltes und spannendes Wochenende zu gestalten. Hier zwischendrin Raum für Freizeit mit einzuplanen nehme ich für die evtl. Planung für nächstes Jahr mit. Ich persönlich bin jedoch kein Freund davon. Auch kenne ich es von anderen Camps so nicht. Hier aber ebenfalls danke für die offene Kritik.

    Deine Frage, wieso zur Party anmelden, wenn es eh ein Einlassbändchen gibt, lässt sich recht leicht beantworten: um zumindest eine ungefähre Planung machen zu können. Im letzten Jahr hatten wir – leider – sehr viel Essen übrig und dies sollte dieses Jahr nicht erneut passieren. Das hat soweit ich es mitbekommen habe, auch recht gut funktioniert.

    Grüsse in die Hansestadt

    Steve

  10. @Steve: Im Prinzip war das mir dem “zu viel Orga” von meiner Seite nur so ein geäußerter Gedanke. Die Idee dahinter ist, dass wenn man die Teilnehmer eines Barcamps bei der Orga mehr selbst machen lässt, dass es dann auch mehr zum Barcamp eines jeden Einzelnen wird. Und das ist ja ein wichtiger Punkt bei dieser Art von Veranstaltung. Wichtiger als dass es WLAN gibt, das Essen reichhaltig und die Location cool ist.

  11. @Matthias: Da stimme ich Dir grundsätztlich zu. Jedoch glaube ich – und vielleicht bin ich hier schlicht zu pessimistisch – dass es nicht bzw. nur mässig erfolgreich funktioniert, wenn man es “frei” laufen lässt.

    Vielleicht ist es aber auch eine Lern- bzw. “Erziehungssache” und man muss einfach damit anfangen zu sagen: So, nun macht mal Euer Ding alleine… ;)

  12. Luisa sagt:

    Hallo liebe Jenaer BarCamp-Teilnehmer,

    ich würde an dieser Stelle als BarCamp-Newbie mal meine Erlebnisse darstellen.

    Ich habe erst dieses Jahr mein Germanistik-Studium abgeschlossen und wahnsinnig froh, dass ich in Jena auch beruflich Fuß fassen konnte – und dazu noch in einer so feinen Organisation wie der TowerByte. Dass es in ganz Mitteldeutschland nur ein BarCamp gibt, spricht wahrscheinlich noch mehr für die Genossenschaft und erklärt vielleicht die “hohe Rate” an Newbies (obwohl ich außer mir niemanden getroffen habe, der wie ich das erste Mal bei einem Camp war – alle hatten schon mehrere BarCamps hinter sich).

    Ich bin ganz stolz darauf, dass wir so eine tolle Veranstaltung auch zu uns in die Region holen konnten.
    Ich selbst habe auch dieses Jahr zum ersten Mal von dieser Unkonferenz gehört. Ich habe mich zwar im Vorfeld darüber informiert, bin aber trotzdem ganz unvoreingenommen und mit viel Neugier zum Camp gekommen -und was ich hier erlebt habe, war meiner Meinung einfach sensationell!

    Die Organisation, die vielen neuen, sehr interessanten Menschen… ich kannte zwar niemanden, aber hatte nach einer halben Stunde schon das Gefühl die Hälfte eine Ewigkeit zu kennen. Es war eine sehr offene Atmosphäre, entspannte Themen und kenerlei voreingenommene Menschen… so etwas habe ich persönlich ehrlich gesagt noch nicht erlebt….und das hat mich sehr beeindruckt.

    Ich (als Jenaer) habe mich übrigens gerne mit allen unterhalten, auf der Party am Samstag getant und hier und da ein Gläschen getrunken. Mit manchen habe jetzt noch Kontakt, den ich vorher nicht kannte und was ich super finde!

    Zur Orga: Fand ich eigentlich einwandfrei – hätte nicht gedacht, dass das alles so glatt läuft. Außerdem war ich doch sehr überrascht, dass fast alles an Verpflegung kostenlos war – was will man mehr.
    Das Internet macht doch sowieso immer was es will… Da hatte man übrigens auch die Freizeit zum Kontakte knüpfen ;)

    Zu den Session: Ich fande die Themen wirklich sehr interessant – vor allem die Social Media-Themen. Aber auch die SEO-/Onlineshop-Themen waren sehr informativ. Ich wäre gerne ich wäre gerne in viel mehr Session, aber die liefen leider immer paralle. So viele IT-Sessions habe ich gar nicht wahrgenommen – aber wahrscheinlich, weil ich das aus Jena sowieso dauernd um mich rumhabe :)
    Jena ist eben ein E-Commerce-Zentrum und stolz darauf (Stichwort Themencamp). Ich fände es allerdings schade, das Camp auf eben dieses zu reduzieren. Ich fand die Themenvielfalt, die sich geboten hat super!

    Für das nächste Jahr ein Vorschlag: Vielleicht könnte man den Sponsoren statt der vielen zu verlosenden Sachpreise einnfach hier und da ein paar Cents mehr Bares entlocken, sodass im Vorfeld mehr Werbung zu dem Camp gemacht werden kann. So können sicherlich noch viel mehr Menschen erreicht werden, die sich für so etwas interessieren (zieht zwar sicherlich mehr Newbies an, aber irgendwann muss doch jeder mal anfagen, oder?).

    Für mich persönlich war das Wochenende absolut der Hammer und freue mich auf weitere BarCamp-Erlebnisse. Nächstes Jahr weiß auch ich wie der Hase läuft und trage aktiv zur Mitgestaltung bei.

    Ich habe mir nämlich übrigens auch schon vorgenommen, im nächsten Jahr eine Session zu halten ;) und habe mir außerdem schon ein Twitter-Konto zugelegt (muss nur lernen, das auch zu nutzen). Einen Blog kriege ich sicherlich auch noch hin :)

    An alle, die sich jetzt überlegen, Jena nächstes Jahr zu meiden: Denkt noch einmal darüber nach – ich fände es schade, so erfahrene BarCamper wie euch auf einem StartUp-Camp wie unserem zu missen.
    Jena hat erst seinen 4. (BarCamp)Geburtstag hinter sich – wir lernen jedes Jahr mehr dazu. Nur so kann es doch irgendwann zu einer guten Veranstaltung und zu einem Muss auf jeder BarCamp-Reise durch Deutschland werden.

    Ich freue mich auf alle, die ich nächstes Jahr wieder sehe – und vor allem auf den Strickkurs für Fortgeschrittende, lieber Lutz :)

    Danke für ein schönes Wochenende
    Luisa